Netzkultur
Blogs – Spielerei oder digitale Medienrevolution?
Wie der geneigte Leser von d’ohne pointe weiß, wurde hier schon häufiger orakelt und spekuliert über die üppige Indizierung der Inhalte dieses Blogs und ihre oft recht prominente Plazierung bei Google. Aus purer Neugier hatte ich Googles Websuche mit Anfragen gefüttert, die zu aktuellen Ereignissen passten, über die aber auch bei d’ohne pointe jemand geschrieben hatte. Meist waren Blogs recht weit vorn dabei, häufig vor den Seiten der meisten konventionellen online-Medien. Dieses Blog speziell schnitt nicht ganz schlecht ab.
Etwas systematischer ist Jason Kottke an die Sache herangegangen. Inspiriert durch eine Wette zwischen Scripting News und der NY Times, die den Kampf zwischen Blogs und NY Times um das Auftauchen in Googles Ergebnisseiten zum Gegenstand hatte, fragte er bei Googles Websuche die Suchergebnisse zu Phrasen wie “hurricane katrina”, “iraq election” und “gaza withdrawal” ab. Dann sah er sich die Ergebnisseiten an und notierte die Position des ersten Auftauchens von
1) Inhalten traditioneller Medien (NY Times, andere online publizierende Zeitungen, Fernsehsender etc.),
2) Seiten “alternativer” Medien (z. B. Wikipedia),
3) Ergebnissen aus Blogs und
4) Artikeln der NY Times speziell.
Immerhin lag bei den meisten Suchanfragen noch irgendein traditioneller Inhalteanbieter vor den Blogs und alternativen Medien, die NY Times jedoch wurde fast durchgängig von den Blogs geschlagen.
Auch hierzulande beginnen die großen Verlage sich Gedanken zu machen über die Veränderungen, die Blogs für die Medienlandschaft mit sich bringen könnten. Zunächst sind viele Akteure daran interessiert, den Anschluss nicht zu verpassen. Die Kieler Nachrichten etwa animieren seit einigen Tagen ihre Redakteure selbst zum Bloggen. Sie schreiben dort, was sie bewegt – von Waldbenutzungsgebühren bis zu Jackos angeblich geplantem Umzug in die Nähe von Bad Malente.
Stefan Niggemeier sagte im Feuilleton der letzten FASZ gar eine Medienrevolution voraus. Die traditionellen Strukturen der Medienkultur von Produzenten auf der einen und Rezipienten auf der anderen Seite würden bald aufgelöst. Jeder könne in absehbarer Zeit Inhalte produzieren und vergleichbar stark wahrgenommen werden wie die etablierten Anbieter. Den bisherigen Akteuren des Informationsmarktes wirft Niggemeier vor, sie würden sich krampfhaft und verzweifelt gegen die Veränderungen sträuben. Traditionelle Content-Produzenten hätten großes Unbehagen bei der Vorstellung von Lesern und Zuschauern, die nicht nur selbst und interaktiv bestimmen, was sie wann konsumieren, sondern auch eigene Inhalte generieren.
Meiner Meinung nach übersieht der Verfasser bei all der berechtigten Freude über die Möglichkeiten der Netze die inhaltlichen Beschränkungen. Zwar ist nun technisch fast jeder Internetnutzer in der Lage, einigermaßen ansprechend aufgemachte Inhalte weltweit zu verbreiten; dies versetzt ihn jedoch nicht automatisch in die Lage, eine publizistische Qualität zu bieten, die mit der von traditionellen Anbietern vergleichbar wäre.
Die schlichte Zahl von Blogs und selbst ihre hervorragende Plazierung bei Suchmaschinen wie Google sagt wenig darüber aus, in welchem Maße sie tatsächlich öffentlich wahrgenommen werden und noch weniger über ihr Niveau. Zwar kommt es vor, daß Texte aus Blogs über die Welt der Blogger hinaus Beachtung finden (wie jüngst die Beschimpfungen von Blogs durch Jean-Remy von Matt). Solche Fälle bleiben jedoch bisher die Ausnahme. Mag sein, daß noch gewaltige Veränderungen auf uns zu kommen. Zur Zeit und in absehbarer Zukunft sind Blogs aber -um auf die Frage aus der Überschrift zurückzukommen- weniger Revolution als Spielerei, allerdings eine recht nette und interessante.
Hmm, wie dem geneigten Leser bestimmt aufgefallen ist, bist Du der einzige der hier diesen Google-Fetisch pflegt. (Oder zumindest öffentlich zugibt.)
· CoBi um 13:34 Uhr
Als Fetisch würde ich das nicht bezeichnen. Weder verehre ich Google religiös noch richtet sich meine Sexualität auf Suchmaschinen, aber interessant ist ihre Funktionsweise und ihr Einfluss schon.
· Gorch um 14:28 Uhr
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