Blick auf die Blogs
Zwischen Hybris und Erschrecken über eigene Größe
Ein Video und viel Getöse
Die Welt der Blogs in Deutschland feiert sich selbst. Zur Veröffentlichung des Youtube-Videos (d’ohp berichtete), das angeblich Wahlmanipulationen in Weißrussland belegen sollte, jubelt fast berauscht “kollblog” in einem Kommentar bei Spreeblick:
Wenn sich das bestätigt, dann könnte das das erste mal sein, dass Blogger eine Regierung stürzen!!! (sic!)
Zwar ist lange unbekannt, woher das Video stammt und was gesprochen wird in der enthaltenen Auszählungsszene, aber den Skandal reden die selbsternannten Bürgermedien schon mal vorsorglich herbei.
Später rudern einige der Szene dann ein wenig zurück. Aus den Kommentaren bei Media-Ocean geht hervor, daß selbst russische Muttersprachler in dem Video allenfalls Durcheinander und Streitereien beim Auszählen von Stimmen entdecken.
Dann hole ich meinen großen Bruder!
Gleichzeitig kann man Blogger beobachten, die darüber erschrecken, daß man sie liest, und welche Wirkung sie mit ihren Texten erzielen können. Mit dem großen Bruder drohten früher Grundschüler ihren Kontrahenten auf dem Schulhof, wenn ihnen tatsächliches oder bloß empfundenes Unrecht angetan wurde. Heute bloggen die Unzufriedenen und Entrechteten und hoffen auf breite Resonanz ihrer Anliegen in der Blogosphäre. Versucht ein Blogger, einer Freundin zu helfen, die sich mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber streitet, kann das ins Auge gehen.
Geschwind sind dazu auch die Spreeblogblicker mit ihrer Konzerntochter lautgeben.de zur Stelle und stellen das Geschehen in eine Reihe mit dem Abmahn-Possen um Jamba und Euroweb.
Dabei drängt sich natürlich die Frage auf: Was wollen die eigentlich? Wer den Erfolg von Blogs als freiem, innovativem Medium feiert und glaubt, den Journalismus zu revolutionieren, sollte sich nicht wundern, wenn die Leute sich wehren, denen man mit den eigenen Publikationen auf die Füße tritt.
Natürlich ist das in den Fällen Vakona, Sozialgericht Bremen und Heidi Klum zu unrecht erfolgt, aber der immergleiche Reflex ist albern, sofort “Zensur!” zu rufen, wenn einem Blogger juristisches Ungemach droht. Sollte “wasweissich” in ihrem Blog Unwahres über Transparency International geschrieben haben, dann hat diese Organisation das ganz selbstverständliche Recht, von ihr zu verlangen, daß sie solche Veröffentlichungen unterläßt.
Und als Medium werden Blogs nur halbwegs ernstgenommen werden, wenn differenzierte Selbstkritik an die Stelle unbedingter Solidarität tritt.
Update
Inzwischen hat Transparency International Deutschland allerdings jedes Maß verloren und forderte, daß ihr Anwaltsschreiben aus urheberrechtlichen Gründen nicht im Blog zitiert werden dürfe. Dann sah man offenbar ein, daß man übers Ziel hinausschießt und möchte von weiteren Schritten absehen.
Nicht nur das, auch aaaaaalt.
Trotzdem hat das Video eine enorme Beweislast, wenn es stimmt, was in http://www.media-ocean.de/2006/03/27/updates-belarus2/ zu lesen ist. Zu sehen und hoeren sind also Wahlhelfer, die ihren Job ernst nehmen, doch wo bitte sind die Videos aus den anderen Wahllokalen? Es muss doch mehr gegeben haben. Das fehlen entlastender Videos aus fast allen Wahllokalen wiegt meines Erachtens schwerer, als ein einzelnes Video, welches Wahlmanipulationen zeigt.
Wir Blogger fordern von Ihnen, Herr Lukaschenko, die Herausgabe der anderen Videos. Wenn Sie nichts zu verbergen haben, koennen Sie das doch tun, oder?
Sonst plustern wir uns weiter auf und schaedigen unser Rueckenmark auch in Zukunft beim Gedanken, dass deutsche Nerds entfernte Regierungen zu Fall bringen, ohne sich mühevoll aus dem bequemen Stuhl zu erheben. Mit uns muss man rechnen! Ist das klar?
Und bitte klicken sie auch mal auf den Link des Sponsors….
· nobbie um 18:02 Uhr
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