Sonntagsfrage
Geheimtipp: Buch
So, weil das mit dem Lesen ja immer so eine Sache ist, überbrücken wir mal wieder die nächsten vier Wochen mit einer alternativen Buchfrage. Und zwar darf heute mal so richtig rumgeposnert werden. Ich möchte von Euch nämlich bis zur drei Buchempfehlungen haben, von denen ihr glaubt, daß diese Bücher gänzlich unbekannt, aber dann doch lesenswert.
Jaja, das ist schon wieder so eine anspruchsvolle Scheiße, wo wieder alle nur rumjammern und so. Man will ja keinem was aufdrücken, und saufen tut man auch nicht und woher soll man wissen, ob das nicht jeder andere schon kennt.
Mir doch fickenegal. Ihr geht jetzt alle zum Bücherregal und sucht gefälligst nach Büchern die ihr nicht selbst auf Empfehlung gekauft habt. Oder durch Zufall irgendwie hinterm Kühlschrank gefunden habt. Whatever.
Und wer rumnörgelt wird zu Entenfutter, so!
Hier ein paar Kaufempfehlungen (alle Titel sind die der Originalversionen, gibt es aber auch auf Deutsch) von einer alten Frau:
Neil Gaiman “Neverwhere”
Wer die Londoner Tube mal mit anderen Augen sehen möchte, dem sei dieser fantastische (im doppelten Sinne) Roman ans Herz gelegt.
Margaret Atwood “Oryx and Crake”
Zukunftsliteratur der anderen Art. Man freut sich bei der Lektüre, dass man sich noch in der Gegenwart aufhält und hoffentlich nicht ein solches Szenario vor sich haben wird. Sprachlich großartig, aber mitunter beklemmend.
Jonathan Safran Foer “Extremely Loud and Incredibly Close”
Als das Buch herauskan, dachte ich nach all den Lobhudeleien um den Autor “Ist doch bloß noch so ein 9/11 Roman.” Am Flughafen hab ich dann doch mal in die erste Seite reingelesen und war sofort dabei:
“What about teakettle? What if the spout opened and closed when the steam came out, so it would become a mouth, and it could whistle pretty melodies, or do Shakespeare, or just crack up with me? I could invent a teakettle that reads in dad’s voice, so I could fall asleep, or maybe a set of kettles that sings the chorus of “Yellow Submarine”, which is a song by the Beatles, who I love, because entomology is one of my raison d’être, which is a French expression that I know. Another good thing is that I could train my anus to talk when I farted. If I wanted to be extremely hilarious, I’d train it to say, “Wasn’t me!”" (Das sind die ersten Zeilen)
Groß.
Marlen Haushofer “Die Wand”
Eine Frau wacht eines Tages in einer Hütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unüberwindbaren gläsernen Wand, hinter der es offenbar kein Leben mehr gibt… Sprachlich großartig, aber mitunter beklemmend – das gilt auch hier.
Orson Scott Card “Ender’s Game” & “Speaker for the Dead”
Aliens haben die Erde angegriffen. Damit die Menschen den nächsten Kampf gewinnen, hat die Weltregierung Militärgenies zeugen lassen und lässt sie nun in Kampfkunst & Strategie ausbilden. Die sozialen Strukturen und die herausfordernde Ausbildung auf dem Raumschiff haben mich als ehemaliges “Battlepig” natürlich fasziniert *g*
Im zweiten Teil der Odyssee des Ender Wiggin lässt er sich auf einen Planeten nieder, auf dem ein Team von Wissenschaftlern eine neue intelligente Rasse entdeckt hat. Der Versuch mit diesen “Piggies” in Koexistenz zu leben, stößt auf unerahnte Widrigkeiten.
· fishy um 20:54 Uhr
Boah, wie fies. Naja, ich kann ja behaupten, die Buecher waeren unbekannt:
Christopher Moore fristet in D imho noch ein unverdientes Schattendasein. Das muss anders werden schwor ich mir, als ich das erste Mal eines seiner Buecher in Händen hielt. Mein Favorit ist immer noch Der Lustmolch (The Lust Lizzard), darin bringt ein praehistorisches Seeungeheuer ein kalifornisches Küstendorf und die Hormone seiner Bewohner durcheinander. Schraeg und satirisch.
Ebenfalls von Moore und im selben Dorf spielt Der törichte Engel (The Stupiest Angel). Weil er den Wunsch eines kleinen Jungen erfüllen wollte, der den Weihnachtsmann sterben sah, was aber gar nicht der Weihnachtsmann war und gleich hinter der Stelle, wo der angebliche Weihnachtsmann verscharrt wurde (von seiner Exfrau, aber sie schwoert, es war ein dummer Zufall), dummerweise ein Friedhof liegt, gibt eben jener Engel auch dessen Bewohnern mit seinem Wiedererweckungsspruch eine zweite Chance, die nun am Weihnachtsabend ausschwaermen auf der Suche nach frischem Hirn.
· nobbie um 21:00 Uhr
@fishy
“Neverwhere” – jawoll, unbedingt
“Extremely Loud and Incredibly Close” – sehr gut, krasser stoff
“Ender’s Game” & “Speaker for the Dead” – ebenfalls fesselnd, angeblich gibts bald den film zum buch
Was fällt mir selbst ein?
Kazuo Ishiguro – Never let me go
Geboren werden, um zu spenden. Einen Sinn des Lebens konstruieren, obwohl die Umstände in ihrer Pseudo-Harmonie letztendlich unmenschlich sind. Ein Buch, dass die nachdenklich stimmende Nachricht zwischen den Zeilen trägt.
Ansonsten die allgemeine Empfehlung: Stöbert in RealLife in der Buchhandlung/Antiquariat eures Vertrauens. Man ahnt gar nicht, welch gute Bücher abseits der Bahnbuchhandlungen und der Grabbeltische existieren. Oder steigt hinab in die Katakomben von Buchhain (Walter Moers – Die Stadt der träumenden Bücher). Viel Spass beim Schmökern!
· ninscha um 11:20 Uhr am 12.06.2006
Es gibt einen Autor, der mich sehr bewegt hat.
Und das auch erst vor kurzem: Pierre Teilhard de Chardin, jesuitischer Pater und Theologe und Paläontologe, versucht in seinen Werken die Kluft zwischen Theologie und Wissenschaft zu schliessen.
Er zeigt in seinen philosophisch-wissenschaftlichen Exkursen, eine beeindruckende Logik und ist wirklich an einem Brueckenschlag zwischen diesen beiden sich gegenueberstehenden Welten interessiert.
Anders als viele Theologen seiner Zeit oder religiöse Rechte unserer Zeit, akzeptiert er wissenschaftliche Fakten und nimmt sie als Basis seiner Philosophie und seines Glaubensbekenntnis.
1955 verstarb er, ohne je seine Werke veröffentlichen zu koennen: Er wurde mit lebenslangem Publikationsverbot durch seinen Orden und durch Rom belegt.
Zwei Buecher, die ich von ihm gelesen habe:
Der Mensch im Kosmos und
Das Herz der Materie. Kernstück einer genialen Weltsicht
Achja: Und er hat das Internet vorhergesagt.
· KaiK um 17:34 Uhr am 12.06.2006
Ein wenig hintenrum die lange Abkürzung nehmend: Weiß ich, ob, wann hier einmal Comics verlangt werden. Die Zeit ist voll im Trend und Web 3.14 steht schon unter Markenschutz. So schließt sich der Kreis, dann wird eh alles anders und blogfrei. Darum also jetzt – Comics und Wiederverwertung, Gaston läuft später auch nicht weiter weg.
Wem das alles altbekannt erscheint, der ist eh viel zu fit für dieses Leben.
Don Rosa – Life and Times of Scrooge McDuck (Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden)
Tiefgründige Zeichnungen, subtile Hintergründe, feiner Humor, durchdachte Welten und faszinierende Geschichten. Entenhausen zeigt sich von der realen Seite, bietet großes Hollywood und skurriles Independentgefühl. Epische Breiten, lyrische Tiefen – Don Rosa zeichnet die direkten Momente von Tod und Liebe offen und ehrlich.
Er führt in bestmöglicher Konsequenz Carl Barks Universum weiter aus. So richtig bestaunen und genießen kann das mit Anspielungen und Subplots gespickte Werk nur der mit Barks Werken vertraute Leser. Für die anderen dennoch kein Grund, von den Comics zu lassen.
Wehrmutstropfen bleibt der Gedanke, welche zugespitzte Formvollendung Erika Fuchs ermöglicht hätte.
Wegen des großen Erfolges in zweiter Aufführung:
Paul Reiser – Couplehood / Babyhood
Paul Reiser hat uns “Mad about you” und “Helen Hunt” geliefert und weil die guten Dinge immer zu dritt sind, hat er noch ein Bücherpaar dazugelegt. Keine dicken Wälzer, sondern schmale, kleine Paperbacks, die im Regal ein unauffälliges Leben führen.
Nicht überraschend, dass in ihnen der Reiser tobt. Wer bisher der Meinung war, in MAY würde die männliche Hauptfigur (it’s Reiser himself) seine Liebe zu Neurosen doch ein wenig überstrapazieren, dem widersprechen die Bücher. Beide, in jedem Kapitel, auf jeder Seite.
Irgendwo zwischen Larry David und Woody Allen pflegt Paul Reiser seine Neurosen. Irgendjemand wird einwerfen, nicht auf dem Niveau, aber eins darunter ist immer noch verdammt unterhaltsam.
In Couplehood arbeitet Reiser seine Neurosen in Beziehungen ab, in Babyhood leidet in konsequenter Folge dann das gegen alle Neurosen entstandene Baby an Reisers Irrungen. Die Sätze sind kurz, schnell, pointiert. Unnötige Rahmenhandlung, seitenlange Ausschweifungen gibt es nicht. Pointe, Anekdote, Neurose – mehr braucht es nicht.
Bekannte Klischees, abgehangene Probleme und nie angedachte Konflikte. Es spielt keine Rolle, denn Reiser textet mit seinen Neurosen jedes Thema um neue Ecken und sorgt so für Tempo und Witz. Denkt man im ersten Absatz noch, oh ja, das kenne ich, fragt man sich am Ende der Seite, wie kommt er bloß dahin?
Jetzt die schlechte Nachricht, die Bücher muss man im Original lesen. Babyhood gibt es auch übersetzt, unter dem Titel “Ein Vatertag ist schöner als der andere.”. Der deutsche Titel allein sollte aber reichen, um beim Original zu bleiben.
“When I was 12, I remember holding hands with this girl – I want to say, “Patty,” but I’m guessing here – and something about the way she held hands was just … wrong. Our fingers didn’t line up right.”
So beginnt das Buch bzw. eigentlich nicht, und überhaupt sind wir da schon auf Seite 145, aber das sollte jeder selbst nachlesen.
Für Verlobte. Für werdende Eltern. Für das schenkende Umfeld. Eine nette Gabe, um den rationalen Sorgen und Ängsten noch ein paar irrationale Sachen hinzuzufügen.
· DenKa um 22:10 Uhr am 12.06.2006
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