Franz + Polina
(Russland 2006) Internationale Erstaufführung
Kriegsromantik in einem weißrussischen Bauerndorf. Die Wehrmachtssoldaten baden mit den Kindern im See, die alten Frauen kümmern sich um das Essen. Und der blutjunge Franz hat sich in die schöne Polina verliebt und hilft ihr bei ihren täglichen Arbeiten. Ein Traum in Sepiatönen.
Doch es ist Krieg. Und so endet dieses Idyll abrupt, als die Soldaten ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen und unvermittelt die Dorfbevölkerung töten. Doch Franz stellt sich gegen seinen Komandanten und rettet so Polina und ihrer Mutter das Leben. Doch zu welchem Preis? Nachdem die Deutschen abziehen, liegt das Dorf in Schutt und Asche, die Drei sind die einzigen Überlebenden.
Für Franz und Polina beginnt eine Reise ins Ungewisse. Untereinander kaum zur Kommunikation fähig, laufen sie stets Gefahr der ein oder andere anderen Kriegspartei über den Weg zu laufen. Und selbst im einsamen Wald sind sie nicht vor wilden Tieren sicher.
Apropos wilde Tiere. Ein interessanter Aufhänger, denn die Verteidigung Polinas vor einem Rudel verwilderter Hunde oder Wölfe, scheint das Tier in Franz zu wecken. Unter wildem Gefletsche verliert dieser endlich seine Unschuld an Polina. Der Soundtrack gibt uns zu verstehen, daß es wohl kein unbeschwertes Spiel der Lust ist, aber als Franz am nächsten Morgen von einer weißrussischen Patrouille festgesetzt wird, hat er immer noch ein dreckiges Grinsen im Gesicht.
Übrigens der erste Festivalbeitrag, bei dem mir die Musik bewußt aufgefallen ist. Es gibt ein wunderschönes Leitmotiv, welches die Idylle des ersten Viertel des Filmes wunderbar herausstellt und dann immer wieder zurückgekehrt, wenn Franz und Polina um ihr Überleben kämpfen müssen.
Der Film beruht auf einer Erzählung von Adamowitsch die ihrerseits auf angeblich wahren Kriegsbegebenheiten beruhen soll. Doch da Mikkail Segal weniger an einer Darstellung des Krieges interessiert war, als der unterliegenden Liebesgeschichte, hat er sich vom Ende der Vorlage gelöst um so dem Film einen anderen Abschluß zu geben. Doch leider ist im die Inszenierung da etwas mißglückt, und so werden viele Zuschauer vermutlich etwas ratlos aus dem Kino gehen.
Trotzdem schauen!
Have you met wanted
Hat jemand meine Zeit gesehen?
Sie ist mir abhanden gekommen.
Sutra ujutro
Morgen in der Früh (Serbien und Montenegro 2006) Deutsche Erstaufführung
Zwölf Jahre sind vergangen, seit Nele Belgrad verlassen hat um in Kanada zu leben und zu arbeiten. Und es bleibt nur wenig Zeit um alte Geschichten mit Freunden auszutauschen, denn in nur wenigen Tagen wird er Maja heiraten und mit ihr nach Kanada zurückkehren.
Zwölf Jahre sind eine verdammt lange Zeit, in der verdammt viel passieren kann. Und nicht jede Geschichte aus der Vergangenheit ist es Wert wieder aufgewärmt zu werden. So kommen unter dem Einfluß schnell Dinge ans Tageslicht, die eigentlich längst vergessen waren und besser auch vergessen geblieben wären.
Der Film zeigt auf eindrucksvoll authentische Weise, wie öde solche Treffen unter alten Freunden ablaufen. Am Anfang die unbändige Freude sich endlich mal wieder zu sehen, doch nach und nach wird klar, daß die zurück Gebliebenen nicht mit dem Fortgegangenen mithalten können. Frust macht sich breit und der Zuschauer fühlt sich wie der der Protagonist ausgeschlossen.
Klingt langweilig? Ist es auch. Ehrlich, das ganze ist so öde, daß man froh ist als Nele wieder zurück nach Kanada fliegt. So sehr ich den Willen zu Authenizität ala Dogma95 auch befürworte, möchte ich mich im Kino trotzdem nicht langweilen. Und auch perfekt inszenierte Langeweile ist am Ende nichts andere als Langeweile.
Warum viele Jurys diesen Film mit Preisen bedachten, ist mir völlig unklar.
Obszöne Hobbies (4)
Mit Ingwerknollen das Kamasutra nachstellen.
Ja wam pokaze!
Ich zeig’s Euch! (Polen 2006) Deutsche Erstaufführung
Judytas leben scheint eigentlich perfekt. Sie ist erfolgreich in ihrem Job, hat einen gut aussehenden Freund und Töchterchen Tosia steht kurz vor Abschluß des Abiturs und die Hochzeit ist auch schon geplant. Was kann da schon schief gehen?
Zu erst einmal nix. Nur eine kurze Trennung des Paars. Adam geht für ein halbes Jahr in die USA und das wird man schon überleben. Aber da hat man die Rechung ohne Tosia gemacht. Da ihr Vater und Judytas Ex-Ehemann sich gerade von seiner Freundin getrennt hat, setzt sie alle Hebel in Bewegung um die Eltern wieder zusammenzubringen. Jetzt wo Adam aus dem weg ist, wird Mutti doch endlich erkennen, wie toll ihr Vater immer noch ist.
Ally McBeal auf polnisch. Vielleicht auch etwas Bridget Jones. Insgesamt eine unterhaltsame Verknüpfung aus Beziehungskomödie und -tragödie die auf ihrem Weg zum unvermeintlichen Happy End sehr ausdauernd Judytas Beziehung zu Adam zerstört, bevor am Ende Tosia erkennt, was sie angerichtet hat.
Etwas unhandlich ist allerdings der Neffe, der nach Weihnachten im Haus verbleibt. Er dient zur Auflockerung der Story und gibt Tochter Tosia auch den ein oder anderen Anstoß, aber er bleibt doch nurmehr Fremdkörper in Erinnerung. Unnötig.
Маймуни през зимата
Affen im Winter (Bulgarien 2006) Deutsche Erstaufführung
Drei Geschichten um starke Frauen in verschiedenen Jahrzehnten. Da wäre die Roma Dona, die in den 60er Jahren mit drei Kindern, aber ohne Mann lebt und sich immer wieder Repressalien ausgesetzt sieht doch endlich zu heiraten und einen festen Job anzunehmen. Danach lernen wir in den 80ern Lucrecia kennen, die nach ihrem Juraabschluß unbedingt in Sofia bleiben will, und mit allen Mitteln dagegen ankämpft in der Provinz zu landen. In der Gegenwart spielt die Geschichte Tanas, die alles mögliche versucht um ihrem Mann endlich ein Kind zu schenken.
Kinder spielen eine zentrale Rolle im Leben aller dreier Frauen. Dona gesteht einmal einem Liebhaber, daß sie frei seien will. Nicht nur unverheiratet, sondern auch ohne Kinder. Für Lucrecia bedeutet ein Kind die Aussicht in Sofia verbleiben zu dürfen, wenn sie damit einen Mann zur Heirat zwingen kann. Und Tana würde alles nur erdenklich tun um endlich Mutter zu werden.
Die Geschichten sind leicht miteinander verwoben und kurze Erinnerungen an ein Badehaus stellen die Frage, ob Lucrecia eine von Donas Töchtern ist. Und im selben Badehaus finden wir Jahre später Tana, die sich vom Ort fruchtbarkeitssteigernde Wirkungen verspricht.
Alle drei Geschichten enden auf ihre Weise tragisch. Dona findet einen Mann, doch die Zweckehe entpuppt sich schnell als fataler Irrtum. Lucrecia lernt die Liebe ihres Lebens, ist inzwischen aber schon von einem dritten schwanger. Wie auch Tana, allerdings ist das keine gute Nachricht für ihren Ehemann, der zuvor lernen mußte, daß sein Sperma zu 90% unfruchtbar ist.
Keine leichte Kost für den Sonntagnachmittag, aber ein sehr eindringliches Bild über das Leben bulgarischer Frauen.
A fost sau n-a fost?
12:08 East of Bucharest (Rumänien 2006) Deutsche Erstaufführung
“Gab es eine Revolution, oder gab es keine?”, dieser Frage will Virgil Jderescu in seiner Talkshow auf seinem kleinen lokalen Sender nachgehen. Es geht um die Geschehnisse am 22. Dezember 1989 als um 12:08 Uhr die Ceausescus via Hubschrauber aus Bucharest flüchteten. Was geschah hier in der Provinz an diesem Tag?
Als Zeitzeugen im Studio ist der Lehrer Manescu anwesend, den wir in den Stunden vor der Talkshow als hoffnungslos überschuldeten Trinker kennengelernt haben, und der einsame Pensionär Piscoci, der jahrelang den Weihnachtsmann für viele Familien gemimt hat.
Im Laufe der Talkshow werden dann schnell Zweifel an den Darstellungen Manescus laut, der mit anderen Kollegen revolutionär gewesen seien will. Nach und nach melden sich andere Zeitzeugen via Telefon und es vermittelt sich mehr und mehr der Eindruck, daß Manescu und seine Kollegen wieder mal eine Nacht durchgezecht hatten und einfach nur durch Zufall am Orte des Geschehens waren.
Piscoci hingegen ist sowieso etwas fehl am Platze. Ja, er war auch demonstrieren, aber erst nach dem bekannt war, daß die Ceausescus geflohen waren. “Jeder revolutioniert halt auf seine Weise”. Und während Manescu versucht seine Ehre gegen die Anrufer zu verteidigen, faltet Piscoci in bester DeFunes-Manier Papierschiffchen
oder schneidet einfach nur Grimassen. Eine gelungene Auflockerung der vielfachen Be- und Entschuldigungen.
Vor der Talkshow haben wir die Möglichkeit zu verfolgen wie die drei Protagonisten den Tag verbringen. Die Einsamkeit Piscocis, der Trunkenbold Manescu, der in einer Kneipe statt neben seiner Frau aufwacht und eben Jderescu, der irgendwie den Inhalt seiner Talkshow zusammenstellen muss.
Das es am Ende keine objektive Antwort auf die eingangs gestellt Frage gibt, sollte nicht überraschen. Inzwischen hat sich jeder seine eigene Realität der vergangenen Ereignisse geschaffen und die letzte Anruferin fragt zu Recht, ob die Antwort überhaupt noch relevant ist. Sollte man sich nicht lieber am Schnee erfreuen, der gerade auf die Stadt fällt?