Do the dance
Ehrlich, “Beware of what you wish for, it might come true”, musste ich erst mit voller Wucht erleben, um daran mit ganzem Herzschmerz zu glauben.
Jetzt. Nicht.
Der schmale Grat zwischen Lächerlichkeit und Zivilcourage.
Da steh ich eigentlich nur für mich am Ende des Bahnsteigs und warte. Auf die Welt, die Zeit und vor allem auf die U-Bahn. Drei Meter vor mir wartet einer auf Gott.
Vielleicht. Es ist heiß, er trägt einen langen, schwarzen Mantel. Offen. In der Hand eine kleine Tasche zieht er unruhig kleine Kreise auf dem Bahnsteig. Immer wieder bleibt er direkt an der Bahnsteigkante stehen, starrt ins Leere. Dann geht er zur Absperrung am Tunneleingang, schaut lange in die dunkle Röhre. Kommt zurück, wandert umher. Minutenlang. Eine U-Bahn fährt langsam ein, er bleibt nah am Tunneleingang und an der Kante stehen. Rührt sich nicht.
Die U-Bahn fährt ab und wieder wandert der Mann unruhig auf und ab. Schließlich rauscht die nächste U-Bahn heran. Er steht nah an der Kante.
Und ich kann es nur schwer erklären. Als die U-Bahn ankommt, habe ich die Augen zugemacht. Im Nachhinein und in jedem Zeitungsartikel wirkt das dann wie die Geste des eiskalten Arschlochs, das sich ein Nichts um seine Mitmenschen schert.
Und trotzdem hatte ich keine andere Lösung in dem Moment. Es war ja nur so ein komisches Gefühl. Drei-, vier Mal ist mir das bisher passiert. Geschehen ist nie etwas. Gesprungen ist dann mal einer, als ich überhaupt nicht in die Richtung gedacht habe. Und schon einen halben Bahnsteig weiter weg war. Aber darum geht es hier nicht.
Sondern nur um ein merkwürdiges Gefühl. Eine dumpfe Vorahnung. Eine Unruhe, die von der Person ausgeht. Eine Andersartigkeit, die im tristen Einerlei des U-Bahnalltags gerade so auffällt. Nicht mehr. Nichts konkretes. Und wenn ich weiter darüber nachdenke, ist er einfach nur jemand wie ich. Der nichts macht, weil es eben alle so machen. Warum steif auf dem Platz verharren und die Wand anstarren? Warum luftig gekleidet, wenn einem schwarze, schwere Kleidung besser gefällt? Warum ihm Ärger machen?
Ich würde es mir verbitten, das jemand Fremdes Sorge um mich zeigt, wenn ich nicht erkennbar an der Stromleitung klebe. Der Mann steht wieder direkt am Tunneleingang und starrt in die Dunkelheit. Vielleicht in seine Nähe gehen? Aber was bringt das? Außer vielleicht mich im Fall des Falles noch mit in Gefahr?
Ihn ansprechen? Und mich lächerlich machen? Oder gar selbst Probleme bekommen. Denn es ist ja nur ein Gefühl. Jetzt dreht er wieder wie viele genervte Wartende kleine Kreise, weit weg von der Bahnsteigkante.
Wenn er seine Tasche abstellt und zur Kante geht? Das wäre der Punkt gewesen. Sage ich mir jetzt. Als die schnell fahrende U-Bahn heran rauscht, schaue ich ihn ein letztes Mal an. Er steht nah, aber nicht direkt an der Kante. Ganz ruhig, Tasche in der Hand. Ich schließe die Augen. Ich kann ihm nicht helfen und ich kann nicht genau erklären, warum ich es nicht kann. Sehen will ich es auf keinen Fall.
Die U-Bahn fährt ein und wir steigen beide ein.
Und ich frage mich, ob vor Jahren andere mit sich gerungen haben, als ich im Urlaub auf der Steinbrüstung einer Brücke scheinbar verschlossen und allein mit meinen Gedanken langsam vor und zurück schritt. Und einfach nur die Aussicht und Ruhe dort oben genoss.




