Warum tut eigentlich niemand was gegen Apple?
Gibt es eigentlich schon eine Bezeichnung für ein Phänomen der jüngeren Zeit, welches sich darin äußert, daß jegliche Kritik an Apple bejubelt wird, egal wie unlogisch oder gar schwachsinnig sie ist? (Nein, Antifanboy ist nicht die Lösung).
Das es neben der zahlreichen berechtigten auch unberechtigte Kritik an Apple gibt, ist ja nicht das Problem. Das ist halt überall so. Aber warum finden ausgerechnet die Kritiken den meisten Zuspruch, die am weitesten weg von der Realität sind?
Vermutlich ist das schon die Antwort auf die Frage, denn Vereinfachungen und Verfälschungen machen das Verständnis leichter, wohingegen die nackte Wahrheit doch etwas komplizierter ist und man da eventuell mitdenken müßte, bevor man “Apple doof” schreit.
Nehmen wir mal als Fallbeispiel einen Beitrag aus der letzten Trackback-Sendung (MP3) von Radio Fritz:
Chris Guse erklärt (inspiriert durch Jason Calacanis, dt. Zusammenfassung), warum Apple ein Monopol hat, weiß aber auch nicht, warum niemand was macht
Okay, ich könnte das Posting jetzt an dieser Stelle mit “weil Monopole weder illegal noch immanent böse sind” das Posting beenden. Aber dann verpassen wir eine total absurde Schlußfolgerung über die soziale Marktwirtschaft.
Fangen wir mal direkt mit dem Aufsager zum Beitrag an:
Es ist eine Firma die Dinge herstellt die viele Leute benutzen, die dafür sorgt dass die Konkurrenz möglichst keine Sonne sieht und die dazu auch gern Mittel benutzt die anderswo das Kartellamt auf den Plan gerufen hätte. Nein, ich rede gerade nicht von Microsoft, ich rede von Apple. So siehts auch ein Blogger namens Jason Calacanis, der hat letzte Woche einen Artikel geschrieben wo’s genau darum geht. Der sagt “Apple könnte das nächste Microsoft sein, vielleicht sogar noch schlimmer”. Wieso? Weil Apple halt mittlerweile wie Microsoft seine monopolartige Stellung im Markt halt auch mal ausnutzt. Ob das wirklich so ist, hat sich Chris Guse mal genauer angeschaut.
Na das ist doch mal ein Einstieg nach Maß. Viel Anklage, viel Spannung. Ich lasse jetzt aber mal gleich die Luft raus, denn wer jetzt erwartet, daß im folgenden Beitrag die Mittel genannt werden, mit denen es Apple der Konkurrenz schwer macht, der wird enttäuscht. Da kommt nix. Außer unsinnige Schlußfolgerungen über die soziale Marktwirtschaft.
Wobei der Beitrag selbst gleich im ersten Satz nochmal so tut, als ob er sich damit beschäftigen würde:
Microsoft oder Apple, Fenster oder Apfel, wer übt wie sein Monopol aus?
Aber das ist nur eine Scheinfrage, denn jetzt gehts erstmal um die Frage was Monopole sind (und es kommt auch gleich die hahnebüchene Schlußfolgerung zur sozialen Marktwirtschaft) und darüber wird völlig vergessen, daß man ja eine Frage zur Monopolausübung gestellt hat.
Dazu müssen wir erstmal klären was überhaupt ein Monopol ist. Zufällig ist heute Samstag und zufällig ist da immer der verrückte Fritz-Professor im Haus. Herr Professor, was bedeutet Monopol?
Ja also, Monopol. μόνος πωλεῖν. Alleine verkaufen. Altgriechisch. Beschreibt ein System der Ökonomie in der Wirtschaft eine Situation in der es nur einen einzigen Anbieter gibt! Im Falle von Microsoft oder von Apple spricht man von allerdings von einem Quasimonopol, weil es ja noch andere Konkurrenten gibt deren Marktanteile aber so gering sind, daß der Marktführer quasi wie ein Monopolist agieren kann!
Ja und was ist so schlimm daran?
Das lieber Freund, hmm, ist dann keine soziale Marktwirtschaft mehr!
WIE BITTE?
Soziale Marktwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, daß es keine Monopole gibt? Also da hat jemand weder verstanden was Monopole sind, noch was soziale Marktwirtschaft sein soll. (Okay, letzteres ist kein echter Makel, da das ja nicht mal mehr die Politik auf die Reihe bekommt).
Oder bin ich hier gerade auf Ironie reingefallen? Schließlich stammt die Aussage ja vom verrückten Fritz-Professor. Insoweit wäre es ja nur folgerichtig, wenn dessen Antworten selbst verrückt wären.
Au, okay. Dann schauen wir mal, welche Bedeutung beide Konzerne am Markt haben. Microsoft hat im vergangenen Jahr rund 60 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Apple immerhin die Hälfte davon, ca. 32 Milliarden Dollar. Das zeigt die Marktpower. Damit kann man die ein oder andere Plakatwerbung machen.
Rund 92% aller Rechner mit denen das Internet besurft wird, sind mit einem Windowsbetriebssystem ausgestattet. Ähnlich ist Apples Anteil am MP3-Player-Markt mit den iPod und im Musikdownloadgeschäft mit der Plattform iTunes. Zumindest in den USA und die machen ja alles immer zuerst.
Au, okay. Also wir vergleichen hier mal eben den weltweiten Bestand an Surfrechnern, mit US-only MP3-Player-Anteilen. Und weil der Beitrag das selber weiß, schiebt man schnell noch ein Feigenblatt nach, daß das im Rest der Welt ja auch bald so seien wird. Das das die Prämisse in Frage stellt, scheint egal. Aber egal, da wir ja schon deklariert haben, daß Monopole nicht gut für die soziale Marktwirtschaft sind, genügt es ja einfach irgendwie Monopole zu finden.
Und was soll das Ganze jetzt mit den Zahlen?
Gute Frage. Offensichtlich ist den Machern selbst aufgefallen, daß man daraus alles Mögliche ableiten kann, aber eben nicht zwangsläufig daß Apple schlimmer als Microsoft ist.
Nunja, ist Apple das neue Microsoft? 2004 und nochmal 2006 verurteilte der Europäische Gerichtshof Microsoft zu Strafzahlungen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro weil Microsoft unter anderem einen Browser und einen Mediaplayer mit seinem Betriebssystem auslieferte.
Ist doch nett, wie hier der Eindruck erweckt wird, daß Microsoft viel Geld zahlen mußte, und das nur, weil man “unter anderem” einen Browser und einem Mediaplayer beigelegt hat. Das es bei diesem beiden Punkten um die Frage ging, ob Microsoft Druck auf die Händler ausgeübt hat keine anderen Browser und Mediaplayer mehr vorzuinstallieren, ist ja nicht weiter wichtig. Denn das würde ja nur aufzeigen, was genau das Problem bei marktbeherschenden Stellungen ist. Nämlich die Ausnutzung derselbigen.
Ich unterbreche jetzt einfach mal mit Fakten: Monopole sind legal! Es gibt davon Hunderte, wenn nicht sogar Tausende. Und die gabs auch schon, als die soziale Marktwirtschaft diesem Namen noch am gerechtesten wurde und die soziale Marktwirtschaft wurde auch nicht durch Monopole ihres Adjektivs beraubt! (Aber das ist eine andere Geschichte).
Monopole sind erst dann ein Problem, wenn sie dazu genutzt werden um Dinge durchzudrücken. Z.B. um PC-Schraubern bestimmte Konditionen zu verweigern, nur weil sie alternative Browser vorinstallieren.
2009 Apple hat gerade mit dem iPhone gezeigt, daß es genauso wie Microsoft versucht mit einem geschlossenen System den Markt zu bestimmen. D.h. du benutzt nur diesen Browser, du lädst nur hier deine Musik herunter, du benutzt nur diesen Anbieter um zu telefonieren.
Uiuiui, das wird ja gleich alles Mögliche in einen Topf geworfen und weiterhin nicht auf die Frage eingegangen wie Apple nun genau sein Monopol nutzt.
Fangen wir mal im ersten Satz an. Apple versucht also mit einem geschlossenen System den Markt zu bestimmen. (Das “wie Microsoft” betrachte ich mal als unglückliche Formulierung, da es ja überhaupt keinen Sinn machen würde, von Windows als geschlossenem System auszugehen).
Soso, Apple bringt also ein geschlossenes System auf den Markt. Wo man auf Freigaben durch den Hersteller angewiesen ist.
1) Das das System geschlossen ist, war vorher bekannt.
2) Geschlossene Systeme sind etwas völlig Normales am Markt. Z.B. bei Spielekonsolen seit Jahrzehnten praktiziert. Zumindest Nintendo hat volle Kontrolle welche Titel auf ihren Konsolen gespielt werden können. Und es scheint weder Konsumenten noch Marktkontrolleure zu stören.
3) Wo genau kommt hier eigentlich das Monopol ins Spiel? Microsoft wurde verurteilt, weil es mit Hilfe seines Monopols agierte. Aber welches Monopol hat jetzt Apple eigentlich genau genutzt um den Nutzern vorzuschreiben welche Browser sie nutzen, wo sie Musik runterladen?
4) Nur der Vollständigkeit halber: als Besitzer eines iPod oder iPhones kann ich auch andere Musikangebote nutzen um die Player zu bestücken. Ich kann zwar nicht jedes Format abspielen, aber ich muß auch kein einziges Musikstück aus dem iTunes Store kaufen, wenn ich Musik auf einem i-Gerät hören will.
Ja, Apple hat die totale Kontrolle über Software auf iPhone + iPod Touch. Aber das ist deswegen ja kein Monopol. Denn auf die eigenen Produkte hat ein Hersteller immer ein Monopol und sehr oft auch die totale Kontrolle. Das es viele Leute gibt, denen Letzteres nicht gefällt, ist für mich mehr als verständlich. Aber dieser Frust macht Apple nicht zum Monopolisten, denn es gibt ja eben noch andere Geräte am Markt zu kaufen. Oder welche Aktionen genau unternimmt Apple um dafür zu sorgen, daß kein anderer Hersteller mehr Smartphones und tragbare Musikspieler anbietet? Da kann man doch jetzt (analog zu Google) nur noch mit “naja, die haben halt das beste Produkt” antworten. Aber ein verdammt gutes Produkt zu haben, kann doch bitte kein Vorwurf sein, der dann darin gipfelt, daß man inzwischen schlimmer als Microsoft sei.
Und nein, wieso genau man schlimmer ist, wird auch der Beitrag nicht mehr erwähnen. Das erwähnt ja sowieso niemand. Das wird immer nur überall wiederholt wie ein Mantra in der Hoffnung, dass die Leute es wohl über die Zeit glauben und sich niemand mehr für Argumente interessiert.
Aber weiter im Beitrag:
Relevant wird das Ganze einfach sehr, sehr bald wenn alle Medieninhalte zusammenfallen und man alles über ein Gerät kaufen kann. Und Apple hat da schon eine Idee:
iTable. Computer und immer und überall direkt verbunden mit dem AppStore
Wie, das wars jetzt? Apple ist also jetzt schon schlimmer als Microsoft, weil man irgendwann mal alle Medien über ein Gerät kaufen könnte? Und als weiteres Argument denken wir uns dann noch irgendwas aus? Und wo ist eigentlich das Problem an der Existenz eines Gerätes, über das ich eine Vielzahl von Medieninhalten kaufen kann? Untersagt Apple Medieninhalteanbietern die Verbreitung auf anderen Wegen? Behindert Apple Nutzer daran sich auf anderen Wegen mit Inhalten zu versorgen?
Ja, man kann nicht jedes Programm das man möchte auf einem iPod Touch oder iPhone laufen lassen. Aber das ist ja vorher bekannt gewesen. Vor allem bevor iPhones oder iPod Touche irgendein Monopol dargestellt hätten. (Hier stellt sich in der Tat die Frage, wie die Welt ausgesehen hätte, wenn der AppStore erst zu einem Zeitpunkt gekommen wäre, an dem es ein tatsächliches Monopol für beide Geräteklassen gegeben hätte.) Vielmehr ist es ja gerade so, daß der AppStore mit dazu geführt hat, daß iPod Touch und iPhone so beliebt sind.
Wo bleibt eigentlich die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, wer wie sein Monopol ausübt? Davon konnte man nur ein verzerrtes Einsprengsel über Microsoft hören und bei Apple fehlt das wie immer noch völlig.
Was sagt eigentlich die Generation Hipp und Hype dazu? Hier Cafe Berlin Mitte.
Befragter 1 ) Also ich benutze Apple, weil ich kenne mich mit Computern nicht gut aus und bei Apple ist alles ganz einfach. Und das find ich toll.
Welches Gefühl hast Du Microsoft hörst?
Ähm da möcht ich sofort in ein’ Apple-Laden.
Findest Du Apple ist ein cooler Konzern?
Befragter 2) Auf jeden Fall haben die ein sehr cooles Image. Alle finden Apple toll. Niemand haßt Apple. Ich fange jetzt absofort damit an Apple zu hassen. Und ich bin der Erste der Apple haßt.
Hmm, ja, ähm. Was auch immer. Bezüglich Apples bösen Praktiken sind wir da jetzt auch nicht schlauer geworden. Vielleicht hilft uns ja der Absager etwas weiter:
Ja da ist er, wie es wohl jetzt gerade aussieht nicht mehr der Einzige. Und es wird wahrscheinlich in nächster Zeit auch ein paar Leute mehr geben, die das nicht nur aus purem Image tun. Der Unmut gegenüber Apple schwillt im Netz weil Apple ja z.B. sein iPhone nicht allen Applikationen öffnet, und man halt auch nur über einen Anbieter telefonieren kann. In Deutschland die Telekom.
Ah, endlich mal etwas Realitätsbezug, denn der Satz mit dem Unmut ist richtig. Ja, es gibt viele Nutzer die gern eine weniger restriktive Politik von Apple sehen würden. Ja, man würde das iPhone gern bei jedem Provider benutzten dürfen. Aber ist das nun ein Beleg dafür, daß Apple schlimmer als Microsoft ist? Ist das irgendwie Mißbrauch eines Monopols? Denn bei Geräten mit Anwendungsausführungsmöglichkeiten hat Apple definitiv kein Monopol!
Die Frage ist jetzt, wann sich eigentlich die EU-Kommission mit Apple beschäftigen wird, oder warum sie das nicht tut.
Ist das wirklich noch eine Frage? Der Beitrag selber hat es ja nicht geschafft aufzuzeigen, an welcher Stelle Apple irgendein Monopol irgendwie mißbraucht. Nichtmal durch das wilde Durcheinanderwürfel von Fakten und Behauptungen von Zusammenhängen wo keine sind.
Ich finde solche Beiträge immer schade, da sie sich an Scheinproblemen abarbeiten, statt die Sachverhalte aufzugreifen, die wirklich problematisch sind. Ich hoffe mal, daß das nicht an Rechercheunwilligkeit oder Angst vorm Erkläraufwand liegt.
